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Medienreaktionen

Der Gesundheitswahlkampf im Wartezimmer findet ein zwiespältiges Medienecho. Während viele Korrespondenten der Printmedien interessiert und aufgeschlossen das Thema angehen, gibt es andere, z.B. aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehbereich, die noch immer die gängigen Klischees und Vorurteile aufkochen, und für die gute journalistische Rechereche ein Fremdwort zu sein scheint.

Beispielhaft für die letzteren hier meine Besprechung eines Kommentars von der Homepage der Tagesschau vom 19.5.2009 zum Deutschen Ärztetag in Mainz.  

Vorurteilskochen für Anfänger

Man nehme: Die gängigen Klischees über Ärzte, Worthülsen aus dem Ministerium von Ulla Schmidt, eine studierte Theologin und lasse diese daraus einen Kommentar brutzeln: http://www.tagesschau.de/inland/kommentar296.html

Autorin des Kommentars ist Ulrike Bieritz, CvD, beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, Fachgebiet Neue Bundesländer, Aufbau Ost, Verkehr, Umwelt, Landwirtschaft, Verbraucher-schutz, Bildung, die „kleinen“ Parteien.
Beruflicher Abschluss: Diplom-Theologin.

http://www.ard-hauptstadtstudio.de/radio/korrespondenten/rbb/hsb322.html 

Frau Bieritz` Kommentar ist kursiv gesetzt, meine Bemerkungen dazu in normaler Schrift. 

 

Langsam reicht es mit dem Gejammer

Von Ulrike Bieritz, RBB, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn ich krank bin, dann gehe ich zum Arzt. Der soll mir helfen, ohne mir vorzujammern, wie kurz er vor der Verelendung steht und dass seine Kinder bald verhungern müssen. Ich will keine langen Vorträge über die Gesundheitsreform hören - ich möchte gesund werden.

Sehr schön beschrieben. Der Arzt will seiner Profession nachgehen und seinen Patienten helfen. Das kann er aber nur, wenn er für seine Arbeit anständig bezahlt wird.

Ich bin diese Agitation im Wartezimmer leid. Ich zahle meine Krankenversicherungsbeiträge und das ist nicht gerade wenig Geld. Dafür kann ich eine gute Behandlung erwarten - und bekomme sie in den meisten Fällen auch. Jammern gehört zum Geschäft - aber langsam reicht es.

Die Krankenversicherungsbeiträge zahlen Sie an die Krankenkasse, die Behandlung erwarten Sie vom Arzt. Ob der Arzt für seine gute Behandlung auch gutes Geld bekommt, wissen Sie nicht, aber Sie nehmen es an. Worauf stützen Sie Ihre Annahme?

Die Ärzteverbände wollten die Honorarreform und wollen heute nichts mehr davon wissen. Ein typischer Fall von Amnesie.

Die Ärzte wollen eine angemessene, feste, faire Bezahlung für ihre Arbeit, so wie jeder andere Beruf auch. Aber wir bekamen nur Budgets, durch die unsere Leistungen von Jahr zu Jahr entwertet wurden. Deshalb wollten wir ein neues Honorarsystem. Das sollte gerechter sein und uns angemessene Honorare bringen. Nach der Reform bekommen wir jetzt Regelleistungsvolumina, die neuen Budgets. Die Entwertung unserer Leistungen ist so festgeschrieben worden: vor 9 Jahren war der Punktwert 5,11 Cent, heute ist er auf 3,5 Cent festgelegt, also 30% weniger. Und die Entwertung wird weitergehen, denn die Grundbedingungen und Ursachen für den Preisverfall sind nicht geändert worden.

...      

Das alte Punktesystem gefiel den Ärzten nicht, die festen Beiträge für die einzelnen Leistungen, so wie es jetzt ist auch nicht. Was wollen sie denn? Mehr Geld!

Das alte Punktesystem gefiel den Ärzten deshalb nicht, weil die Geldmenge gedeckelt war, der Leistungsanspruch der Patienten aber nicht. Und so ist der Wert der Punkte kontinuierlich gefallen: von 5,11 Cent im Jahre 2000 auf rund 3,8 Cent 2008. Der Hausbesuch sank so von 20,00 Euro auf 16,70 Euro. So wie der Preis des Hausbesuchs sank, sanken die Preise aller ärztlichen Leistungen. Und jetzt, 2009, hat der Hausbesuch noch einen Wert von 15,70 Euro. Dass das den Ärzten nicht gefällt, ist doch sonnenklar.

Und das Tollste ist, die 15,70 Euro bekommt der Arzt gar nicht. Weil das Regelleistungs-volumen (RLV) nicht ausreicht, alle Leistungen der Gebührenordnung (EBM) zu bezahlen, bekommt er Hausbesuche nur abgestaffelt mit 10 bis 25 Prozent ihres EBM-Wertes vergütet, also mit 2 bis 4 Euro. Brutto. Davon gehen noch KFZ- und Praxiskosten runter.      

Was die Patienten wollen, danach fragen sie nicht. Nein, sie malen das Schreckgespenst "Priorisierung" an die Wand - mit anderen Worten Rationierung: Wer nicht ganz so krank ist, der soll länger warten.

Was die Patienten wollen, wissen wir Ärzte aus erster Hand. Und damit sie ihre wohnortnahe Versorgung behalten und wir sie weiter behandeln können, protestieren wir und machen auf die Gefährdung der Versorgung durch die anhaltende Unterfinanzierung aufmerksam. Wir malen auch kein Schreckgespenst an die Wand: Die Rationierung ist politisch gewollt. Wenn das derzeitig gezahlte Geld nicht ausreicht, alle Leistungen zu bezahlen, dann gibt es genau zwei Möglichkeiten, das zu ändern: weniger Leistungen oder mehr Geld. Die Politik aber setzt verlogener Weise auf eine dritte Möglichkeit: die Ärzte umsonst arbeiten zu lassen. Das aber ist keine Option mehr: die Zitrone ist ausgequetscht.

Es ist ja heute schon so, dass Kassenpatienten mit nicht so akuten Beschwerden auf einen Termin beim Hautarzt oder Orthopäden ewig warten müssen und viele Dinge schon selbst zu bezahlen sind. Bevor aber rationiert wird, sollten teure Doppeluntersuchungen vermieden werden und überflüssige Behandlungen nicht mehr erfolgen. Das wirklich Nötige aber schon – und behandelt werden müssen ebenfalls alle Patienten.

Wenn die Ärzte nur für 800 Patienten bezahlt werden, ist es unredlich und unrealistisch, von ihnen die Behandlung von 1200 Patienten zu fordern. Daher entstehen Wartezeiten. Weil dabei dringende Fälle vorgezogen werden müssen, ist es zwangsläufig, dass weniger dringende länger warten. Das ist alltägliche Priorisierung und Rationierung, wie sie den Ärzten durch die Politik aufgezwungen wird. Ulla Schmidt, Remscheid, November 2006:
„Ich erwarte, dass die Ärzte die Patienten für das Geld behandeln, das die Krankenkassen
zu zahlen bereit sind.“ Wir Ärzte hingegen erwarten von der Politik Ehrlichkeit. Wer alles verspricht, muss auch alles zahlen – wer nicht alles zahlen will, muss klipp und klar sagen, was er nicht mehr zahlen will.   

Statt sich um ihr Geld zu sorgen, erwarte ich von den Ärzten und ihren Verbänden, dass sie sich ein paar mehr Sorgen um uns Patienten machen! Sie sollten sich Gedanken darüber machen, was man gegen den Ärztemangel auf dem Land und im Osten machen kann, ob es in den Großstädten wirklich so viele Mediziner geben muss ...

Wir Ärzte sorgen uns den ganzen Tag um die Gesundheit unserer Patienten. Aber wir müssen uns auch darum sorgen, ob wir die Gehälter, die Praxismiete, die anderen Praxiskosten und den Praxiskredit noch zahlen können, ob wir bald noch den Lebensunterhalt der Familie und die Hypothek aus den Praxiseinkünften zahlen können, oder ob wir die Lebensversicherung auflösen oder Notdienste in England machen müssen, um über die Runden zu kommen.

Gegen den Ärztemangel auf dem Land und im Osten kommt die Politik jedenfalls nicht an, wenn Hausbesuche nur einen Gebührenordnungs-Spottpreises von 15,70 Euro haben, und wenn das Geld, das die Krankenkassen bezahlen, nicht einmal dafür reicht, so dass am Ende nur 20 % des Gebührenordnungspreises, also nur 2-4 Euro für einen Besuch bezahlt werden. 35 Euro RLV-Honorar pro Quartal für die hausärztliche Behandlung eines kranken Menschen mit allen Beratungen, Erörterungen, Spritzen, Infusionen, mit den EKGs, Hausbesuchen, Katheterwechseln, den Wundbehandlungen und Verbänden sind einfach keine Basis mehr für das Führen einer Arztpraxis.

Nicht umsonst können sich Praxen nur noch halten, wenn sie Privatpatienten haben oder den Kassenpatienten Selbstzahlerleistungen verkaufen. Nicht umsonst verwaisen Arztsitze auf dem Land, will kaum einer der Medizinstudenten sich noch als Hausarzt niederlassen. Nach 20 Jahren „Kostendämpfung“, nach 20 Jahren stagnierenden oder sinkenden Honoraren, und mit der sicheren Aussicht auf weiteren Verfall der Honorare kann sich heute nur noch jemand niederlassen, der entweder einen solventen Ehepartner hat, der ihm das Hobby Praxis finanziert, oder der so viele Rücklagen besitzt, dass er aus seiner Praxis keinen Ertrag erwirtschaften muss.

... und darüber, wie eine Aus- und Fortbildung so organisiert wird, dass die Ärzte für ihre Patienten wirklich auf dem neuesten Stand bleiben können.

Zum Thema Fortbildung kann ich nur sagen, dass ich gerade Anfang 2009 mein Fortbildungszertifikat über 250 Fortbildungsstunden in fünf Jahren erhalten habe.

Wie aber steht es mit der Fortbildungsverpflichtung für Journalisten? Damit die Journalisten für ihre Leser wirklich kompetent und sachkundig recherchieren?

 

Der Kommentar von Frau Bieritz wurde besprochen von

Hans-Peter Meuser
Facharzt für Allgemeinmedizin
Freie Ärzteschaft e.V.
Erster Vizepräsident
Zum Stadtbad 31
40764 Langenfeld

Tel. 02173-99490
Fax 02173-994949
vize1@freie-aerzteschaft.de

Diesen Text im PDF-Format herunterladen.

Ähnlich äußert sich auch die Vorsitzende des Bayerischen Facharztverbandes, Frau Dr.med. Ilka Martina Enger, zum Kommentar der Frau Bieritz:

Mail von Frau Dr. Enger an Frau Bieritz herunterladen (PDF).

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